Vom Traum des plastikfreien Lebens zurück zur harten Realität

Ich war in Kiel. Nicht einfach nur aus Spaß, sondern mit einem bestimmten Ziel: den Laden zu besuchen, der als erster in Deutschland den verpackungsfreien Einkauf ermöglichte. Und nicht nur ich, sondern 16 weitere – vorwiegend weibliche – Idealisten hörten sich das Abendeuter von Marie Delaperrière und ihren „unverpackt-Laden“ an.

Es war unheimlich erhellend und spannend zu erfahren, welche Hürden zu nehmen sind, um plastikfreies Einkaufen zu ermöglichen. Und es tat gut unter Gleichgesinnten zu sein, die es leid sind, blöd angesehen zu werden, wenn sie mir ihren eigenen Verpackungen zum Einkaufen gehen.

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Hörnchen in Plastik – alles für die Frische?

Kundenbindung per Plastik
So verbrachte ich also ein ganzes Wochenende im Traum des plastikfreien Lebens, um am Montag in der Bahn wieder in der harten Realität zu erwachen. Klar, dass dort Sandwiches in Plastik gehüllt werden, und schade, dass dem Croissant das gleiche Schicksal zuteil wird. Doch leider wird bei der Bahn auch Kundenbindung per Plastik betrieben: in Form eines Trinkbechers mit Schraubverschluss, der als Behältnis für einen 10%-Getränkegutschein dient.

Etwas ratlos starrte ich also auf den Becher, den mir der Schaffner in die Hand drückte. Damit wollte sich die Bahn für die Unannehmlichkeit einer Baustelle auf der Strecke entschuldigen, die sich noch nicht einmal als Verspätung auswirkte. Ich wusste nicht so recht, was ich nun machen sollte: Mitnehmen und im Regal verstauben lassen? Mitnehmen und den Kindern zum Trinken geben und die Gefahr eingehen, dass sie beim Trinken möglicherweise Schadstoffe zu sich nehmen? (Utopia-Artikel „Plastik: die unvermeidliche Gefahr im Alltag?„) Wegwerfen und damit noch mehr Müll produzieren? Vor meinem inneren Auge türmte sich ein Berg mit all den Plastikbechern der Bahn auf, die wegen Nichtnutzung im Müll landen ….

Nein, dieser Becher sollte diesen Weg nicht gehen – zumindest nicht durch mein eigenes Zutun. Also gab ich den Becher dem Schaffner beim Vorbeieilen wieder zurück – mitsamt Gutschein und ohne ihn fotografisch festzuhalten. Das mit dem Gutschein fiel mir allerdings erst später auf, als meine Wasserflasche leer war und ich doch noch gerne etwas trinken wollte. Also fragte ich den Schaffner, ob man den Gutschein auch ohne Becher haben konnte. „Nein“, sagte der von meiner palstik-ablehnenden Art völlig überforderte Schaffner. Und ich solle mich mit Beschwerden doch bitte an die entsprechende Stelle wenden.

Utopie plastikfreie Welt
O.K., ich habe verstanden! Die Utopie einer plastikfreien Welt ist noch weit von der Wirklichkeit und der Wahrnehmung meiner Mitmenschen entfernt. Ich komme also langsam wieder in der Realität an: In einer Realität, in der Kunststoff allgegenwärtig ist und kaum ersetzbar scheint. In einer Welt, in der verpackungsfreies Einkaufen etwas für Exoten ist und angeblich nicht den Hygienevorgaben entspricht.

Klar, als einzelner kann ich die Welt nicht von heute auf morgen ändern. Aber ich kann Zeichen setzen und andere sensibilisieren. Schließlich beginnt jede Reise mit dem ersten Schritt. Und so fühle ich mich zumindest gut darüber, unseren Haushalt nicht mit noch einem Plastikgegenstand vollgemüllt zu haben. Und sicher gibt es viele Möglichkeiten und Schritte für jeden von uns, jeden Tag ein bisschen weniger Plastik zu verbrauchen oder Müll zu produzieren, oder?

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Ein Gedanke zu „Vom Traum des plastikfreien Lebens zurück zur harten Realität

  1. Mittlerweile bekam ich einen Anruf von der Bahn-Hotline. Der nette Servicemitarbeiter bedankte sich für meinen Hinweis. Und natürlich wäre es sehr seltsam, dass ein umweltfreundliches Unternehmen wie die Bahn, solche Aktionen durchführt. Er wolle es an die entsprechenden Stellen weitergeben. Na, vielleicht bewege ich ja doch was!

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