Aus dem Alltag einer Verpackungsverweigererin: Heute Hygiene

Neulich war ich unterwegs, um ein paar Vorräte aufzufüllen. Das verpackungsfreie Einkaufen führt ja in der Regel dazu, dass man mit dem Händler etwas ausführlicher spricht. Dabei offenbaren sich auch stets interessante Einblicke in die Einkaufsgewohnheiten der Menschen. Denn soooo ungewöhnlich ist die Idee, seine eigene Verpackung zum Wiederauffüllen mitzubringen nämlich gar nicht. Es gab sie schon immer, die Umweltschoner oder Sparfüchse, die ihre Verpackungen immer wieder auffüllen lassen.
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Ich vermute, dass diese Menschen meist mit viel Zeit ausgestattet sind und nicht noch schnell zwischen zwei Terminen zum Einkaufen hasten. Insofern fällt das verpackungsfreie, ressourcenschonende Einkaufen auch in die Kategorie „Entschleunigen“ und deckt sich mit meiner Erfahrung, dass für mich das Einkaufen sehr viel entspannter geworden ist, seid ich die großen Supermärkte meide. Man darf nur nicht die Gläser, Dosen und Tüten vergessen…
Keimfrei einkaufen vs. Zero Waste
Zero Waste ist also keine neue Mode, sondern ein neues Wort für ein ressourcenschonendes Leben, das bei zahlreichen Menschen nie ausgestorben ist. Allerdings sind die Behörden nicht ganz so glücklich darüber, dass gebrauchte Tüten wieder gefüllt werden. Manche Tütchen seien wohl auch schon ganz schön abgegriffen, höre ich von einigen Händlerinnen. Aber selbst die sauberen dürfen beispielsweise in Teeläden nicht mehr auffüllen, so die Regelung der deutschen Lebensmittelüberwachung. Warum? Weil man dort eine Schaufel verwendet, mit der man den Tee in die Tüte füllt. Diese berührt dann beim Befüllen zwangsläufig die Tüte. Damit besteht ein potenzielles „Verseuchungsrisiko“ für den Teeladen und das ist deshalb zu unser aller Schutz  verboten.
Wow! Ich wundere mich, dass wir nicht alle längst über den Jordan gegangen sind. Bei all den Keimen, die uns heimsuchen könnten. Heißt es nicht, unser Immunsystem braucht das, damit es richtig arbeiten kann? Was ist mit den Geschichten, dass Landkinder in der Regel weniger Allergien hätten, weil sie nicht so keimfrei aufwachsen?
Die Hygienebehörden sorgen sich um uns
Aber das ist ein anderes Thema….  Zurück zu den eingeschleppten Keimen von fremden Gefässen. Die Hygienebehörden sorgen sich um uns. Daher ist es für Läden schwierig, den Wünschen von Kunden nach verpackungslosem Einkauf nachzukommen. So eine spezielle Regelung wie für den Tee ist wohl sonst nicht die Regel. Aber die Ladenbesitzer müssen dafür sorgen, dass keine Keime ein- oder verschleppt werden. Deswegen tun sich viele Händler eben schwer damit, z.B. Wurst oder Käse in mitgebrachte Behältnisse zu füllen. Meiner Auffassung nach könnten sie das eigentlich auch über das Händewaschen und Abwischen erreichen. Aber Viele gehen eben lieber auf Nummer sicher. Da kann ich ja schon glücklich sein, dass ich meine Semmeln direkt in die Tüte bekomme und den Käse zumindest in Papier eingepackt wird. Aber darf ich das hier überhaupt schreiben? Nicht das mein Bäcker noch Ärger bekommt?
Eierkartons sind noch so ein Thema. Auch hier gilt die deutsche Lebensmittel-Hygiene-Verordnung, die besagt, dass Lebensmittel während der Herstellung, Lagerung und beim Transport vor Verunreinigung geschützt werden müssen.  „Himmel,“ denke ich, „dabei sind die Eier ja schon von Natur aus perfekt eingepackt!“ Außerdem kommen die gefürchteten Salmonellen doch von den Hühnern und nicht aus meiner Küche, oder?
… und die Umwelt
Mein Fazit? Scheinbar ist die Angst von Seiten der Behörden vor natürlichen Keimen größer als vor Plastikstrudel im Meer, Mikroplastik in unserem Essen oder krebsregenden Schadstoffe aus Plastikverpackungen mit unbekannter Zusammensetzung. Abgesehen von den Müllbergen und dem Verbrauch von Öl, die es zur Herstellung von Plastik nun einmal braucht.
Von Seiten der Händler ist viel Good-Will nötig, wenn sie ihre Ware unverpackt verkaufen. Aber sie tun es, wenn man nett fragt und ein sauberes Gefäss mitbringt. Der besagte Teeladen zog seinen Kunden – vor der Hygienevorschrift – sogar 5 Cent vom Preis ab, wenn sie die eigene Tüte mitbrachten. Aber meine Dose darf ich auffüllen, wenn die Öffnung groß genug ist, damit die Schaufel nicht den Rand berührt. Heureka!

Dieser Blogeintrag wandert zur EiNaB-Blogparade, die diesen Monat bei den Grünen Zwergen stattfindet.

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12 Gedanken zu „Aus dem Alltag einer Verpackungsverweigererin: Heute Hygiene

  1. Vielen Dank für diesen Erfahrungsbericht, ich bewundere deine Hartnäckigkeit! Und du hast recht, „früher“ durfte man die Eierkartons mitbringen, sie wurden dann wieder aufgefüllt. Manchmal übertreibt es der Staat mit seiner Sorge, manchmal fühlt es sich etwas „helikoptrig“ an.

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    • Ja, und es geht noch schlimmer: In einem asiatischen Land müssen Dosen noch einmal extra verpackt werden, da der Teil, der den Mund beim Trinken berührt ja eventuell versucht sein könnte. Ich frage mich, warum man nicht gleich jedem Menschen ein Desinfektionstuch in die Hand drückt? Das wäre doch auch einmal ein Thema für ein Buch: „Wir desinfizieren uns zu Tode.“

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  2. Wenn ich dann sehe wie an einer Imbissbude der Koch/Kassier mit seinen vorgeschrieben Einweghandschuhen rasch mal den Sonnenschirm öffnet, den Müll in den Container wirft, das Geld kassiert und sich dann wieder den Lebensmitteln zuwendet. Ohne die Handschuhe zwischendrin auszuziehen oder gar jedesmal neue anzuziehen. Weil er den Sinn auch nicht sieht. Und da er in den Plastikdingern gar kein Gefühl dafür haben kann ob seine Hände schmutzig/feucht geworden sind führt das zu viel häufigeren Keimübertragung als wenn er ohne Handschuhe arbeiten dürfte aber die Hände nach Bedarf waschen würde.

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  3. Ist ja Wahnsinn! Vermutlich gehört zu einem Land mit solchen Hygienerichtlinien auch eine potentiell gleich klagende Bevölkerung, oder kommt man da einfach so drauf? Ich bin noch in der DDR geboren und kann mich noch ganz dunkel erinnern, dass es als ich klein war normal war, mit verschiedenen Behältnissen und Stoffbeuteln in die Läden zu gehen. Aus der Not heraus natürlich, die Leute haben sich ganz schnell an die viele Verpackung gewöhnt. Ich habe gerade erst mit Erschrecken im aktuellen Greenpeace-Magazin gelesen, dass wir Deutschen Verpackungsmeister sind in der EU 😦 Ich gehe kaum noch in den Supermarkt, weil dort dermaßen viel verpackt ist, besonders Bio-Obst und -Gemüse. Meine beste Alternative ist derzeit eine Regio-Biokiste, die fast verpackungsfrei daherkommt. Und ob ich nun selbst ins Auto steige und einkaufe oder die aus der nächsten Stadt zu mir kommen, ist dann auch egal.
    Liebe Grüße,
    Marlene

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    • Ich glaube nicht, dass bei uns gleich geklagt wird. Das ist dann doch eher ein amerikanisches Ding. Aber vielleicht ist es ja so, dass die Hygieneämter etwas zu tun brauchen und sich daher überlegen, wo man Keime noch ausrotten kann. 😉
      Das viele Plastik ist natürlich auch für alle Seiten praktisch. Man muss nichts zum Einkaufen mitnehmen und der „grüne Punkt“ wiegt uns in einer vermeintlichen Sicherheit, etwas für die Umwelt getan zu haben. Dass wir für dieses System eigentlich mehr für das Produkt bezahlen, dass Rohstoffe wie Öl für den kurzen Gebrauch verbraucht werden und dass nur ein Bruchteil der Verpackungen recycelt wird, das sieht kaum jemand. Da bei vielen Menschen jedoch ein Umdenken stattfindet, bin ich guter Dinge, dass es nur ein entsprechendes plastikfreies Angebot braucht, um eine Veränderung herbeizuführen.

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  4. Pingback: Rückblick auf den #EiNaB-Oktober: Upcycling & Anleitungen | Verrücktes Huhn - Neues aus dem wahren Leben

  5. Liebe Sylvia,
    ich hatte in den 80ern mehrmals versucht, meine Wurst an der Wursttheke in mitgebrachtes Tupper verpacken zu lassen. Klar, Tupper ist Plastik, aber so weit ging die Awareness damals noch nicht, es ging einfach darum, zusätzlichen Verpackungsmüll zu vermeiden. Ich hatte alles dabei: Tupper auf die Waage ohne diese zu tarieren, Wurst kam in Plastikfolie in Tupper und beim letzten Versuch weigerte sich die Verkäuferin die Dose zu nehmen, weil diese ja nicht steril sei. Ich fragte sie dann, ob sie sich jeden Morgen vor Arbeitsbeginn abkochen würde …
    Mich hat das damals so frustriert, dass ich die Versuche aufgegeben habe, auch, weil mich diese dauernden Diskussionen so ermüdet haben und die Blicke, die ich geerntet habe.
    Ich finde deine Inititative übrigens großartig! Ich habe immerhin seit einem halben Jahr einen Sodastream (leider ist das Gehäuse aus Plastik) mit Glasflaschen (aber Plastikdeckel …), weil ich wenigstens dem ganzen Zeug aus den PVC-Flaschen entgehen wollte. Die im übrigen immer dünner werden, sodass sie nicht mal mehr richtig stabil sind. Aber wenn ich mich hier so umsehe, in einer Welt, wo sogar Werkzeuge in frustvollen Plastikverpackungen verkauft werden, dann frage ich mich echt, wie das mal werden soll.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Petra

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  6. Das mit dem Tee find ich ja interessant. Meine Teehändlerin füllt mir immer wieder die inzwischen schon Jahre alten Tütchen wieder auf (ich komm aber auch höchstens alle 6 Monate wieder) und zieht mir auch 5 oder 10 Cent pro Tütchen vom Preis ab. Dosen jeder Größe kann man sich auch auffüllen lassen. Hoffentlich kommt da nicht auch irgendwann mal ein übereifriger Kontrolleur vorbei.

    Ja, das mit den Plastikhandschuhen an Imbissen ist mir auch schon aufgefallen. Führt die Hygienevorschrift völlig ad absurdum. Aber ich wette, wenn mal jemand drauf hinweist, wird höchstens die Hygienevorschrift verschärft…
    Das Schärfste, was mir in der Richtung Hygienewahn je untergekommen ist war eine Kollegin, die lobte, dass in bestimmten Ländern in den Supermärkten das Obst und Gemüse von den Kunden nur mit Plastikhandschuhen aus den Auslageboxen genommen werden darf. O-Ton: „klar ist das mehr Plastikmüll, aber das ist doch VIEL HYGIENISCHER! Sonst grabbeln da doch Hunderte Leute dran rum!“ Mir blieb an dem Punkt die Spucke weg. Was glaubt die, wo Gemüse wächst?? Und womit die Bauern das anfassen? Und ob die LKW-Ladeflächen immer schön sterilisiert sind? Mann, mann, mann.

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